Anja Harteros’ Alcina interview

Yay, Smorgy is on a roll.  a biig vietnamese bowl of noodle soup to smorgy next time, my treat!!

(translation by Smorgy)
Wiener Staatsoper Prolog November 2010:

Alles ist Ausdruck: Anja Harteros singt die Titelpartie in Händels Alcina.
Die weltweit gefeierte Sopranistin Anja Harteros beeindruckt stets auf Neue: Mit ihrer edel geführten, wunderschön timbrierten Stimme, ihren stilsicheren Interpretationen, ihrem schauspielerischen Talent und ihrem facettenreichen repertoire das Barock, Mozart, Verdi ebenso umfasst wie Wagner, Puccini oder das französische Fach. Mit der Titelpartie von Händels Alcina kehrt sie nun an die Wiener Staatsoper zurück.

All is expression: Anja Harteros sings the title role in Handel’s Alcina.
World renown soprano Anja Harteros always impresses anew: with her refinement, beautiful vocal timbre, stylish interpretation, acting talent and her diverse repertoire ranging from Baroque, Mozart, Verdi, as well as Wagner, Puccini, and the French repertoire. As the title role of Handel’s Alcina she returns to the Vienna State Opera.

Frau Harteros, Sie singen regelmäßig Partien wie Desdemona, Violetta, Elsa, Don Carlos – Elisabeth – und gleichzetig die Alcina. Fällt diese Barockpartie nicht aus der Reihe, hat sie nicht ganz andere Anforderungen?

AH: Aufs erte würde ich diese Frage mit ja beantworten, da beispielsweise eine Desdemona natürlich eine andere Art des Singens erfordert als die Alcina. Andererseits konnte ich feststellen, dass es sich positiv auswirkt, wenn man unterschiedliche Komponisten und Werke im Repertoire hat und dass, wenn man die notwendigen stimmlichen Voraussetzungen mitbringt, ein Verdi oder Mozart einen Wagner nicht ausschließt und ein Händel oder Wagner das französische Fach nicht ausschließt. Ganz im Gegenteil. Durch die verschiedenen Anforderungen profitiert die Gesangstechnik und die Stimme wird gewissermaßen von allen Seiten geformt.

Ms Harteros, you regularly sing roles like Desdemona, Violetta, Elsa, Elisabeth in Don Carlos, and at the same time, Alcina. Doesn’t this Baroque part have a completely different set of demands from the others? 

AH: For the first question I would answer yes. As an example, Desdemona naturally requires a different kind of singing than Alcina does. On the other hand, I could see that it is beneficial to have different composers and works in your repertoire. And if you bring to them the necessary vocal conditions, the demands of Verdi or Mozart don’t preclude the singing of Wagner or Handel or the French roles. Quite the contrary! The the various requirements from all these different styles beneficially round of the vocal technique and voice.

Barocke Hauptpartien sollen ja eine möglichst breite Skala an Emotionen zeigen. Sind solche Charaktere diesbezüglich mehrdimensionaler als etwa eine Mimi von Puccini?

AH: Alcina ist eine heroische, aristokratische Person, eine Königin, die einer antiken Figur nachempfunden ist. Sie hat das Herrschertum gewissermaßen im Blut. Das muss natürlich auch hörbar und sichtbar sein, was eine sehr groß dimensionierte musikalische Ausdruckpalette erfordert. Die von Ihnen genannte Mimi ist von ihrer Persönlichkeitsstruktur ja gänzlich anders. Deren Größe besteht ja in der Bescheidenheit mit der sie Lied, Liebe, Ensamkeit, Verzweiflung erträgt und die dieses stille, gelassene Sterben am Schluss überhaupt erst möglich macht.

The leading Baroque parts are supposed to showcase the widest possible range of emotions. Are such characters in this regard as multi-dimensional as Puccini’s Mimi? 

AH: Alcina is a heroic, aristocratic person. A queen, a figure modeled after an ancient tradition. She has, to some extent, royalty in her blood. That must naturally be audible and visible, and so requires a very large palette of musical range of expression. Your example of Mimi has such an entirely different personality. Her immensity lies indeed in the modesty with which she bears her aria, love, loneliness, despair, and this stillness that makes the serenity of her death at the end possible and powerful.

Bei manchen Barockpartien sind Koloraturen, Verzierungen und Ähnliches oftmals Selbstzweck, um den Sängerinnen und Sängern publikumswirksame Virtuosität zu ermöglichen. Wie sieht es diesbezüglich bei der Rolle der Alcina aus?

AH: Man kann grundsätzlich sagen, dass bei dieser Partie alles dem Ausdruck dient, da sich die musikalische Struktur der Alcina nicht auf das bloße Zur-Schau-Stellen von vokalen Fähigkeiten reduzieren lässt. Die Koloraturen in ihrer vierten Arie sind eindeutig Stil-Mittel, um den inhaltlichen Hinweis auf die Unterwelt deutlich zu machen, jene in der fünften Arie sollen Hass und Wut symbolisieren. Von virtuosem Selbtzweck kann also sicher nicht die Rede sein. Und in den restlichen Arien sind ohnehin keinerlei Kolorturen, sondern große Legato-Bögen gefragt.

For some Baroque coloratura roles, ornamentation and the likes are often the end in themselves – in allowing the singers to show their virtuosity to the audience. How does this work for the role of Alcina? 

AH: You can basically say that this part is all about expression, since the musical structure of Alcina cannot be reduced to merely the public display of vocal ability. The coloratura in her fourth aria is clearly stylistically meant to reveal the underworld subtext. Those in the fifth aria are meant to symbolize hate and anger. Virtuosity can’t be said to be the end in itself. And the rest of the arias don’t require coloratura, but largely demand long legato passages.

In der Barockmusik hat der Interpret oft die Möglichkeit, die vorgegebene Melodielinie nach Belieben mit Verzierungen anzureichern…

AH: Ich glaube, es ist eine Auffassungssache, wie weit man da gehen sollte. Ganz ohne solche Abänderungen und Zusätze kommt man in der Barockmusik wahrscheinlich tatsächlich nicht aus. Marc Minkowski hat aber diesbezüglich einen sehr interessanten Satz gesagt: so wenig Verziehrungen wie möglich und so viel wie nötig. In meiner letzten Alcina-Produktion an der Mailänder Scala hat der damalige Dirigent Giovanni Antonini, ein Barockblockflöten-Spezialist, extrem viele Auszierungen vorgeschlagen. Ich selbst habe Spaß an gelegentlichen, schönen Abwandlungen, kann aber auch ganz gut schlafen, wenn ich diese nicht bis zum Exzess geführt habe oder wenn ich sie überhaupt ganz weglasse. (lacht)

In Baroque music the artist often has the option of ornamenting the given melodic line at will… 

AH: I think that is a matter of perception – how far should one go there. One can’t really get into Baroque music without such alterations and supplementation. Marc Minkowski had a very interesting thing to say about this: as little decorations as possible and as much as necessary. In my last production of Alcina at La Scala, Giovanni Antonini, the conductor then and a baroque recorder specialist suggested extremely large amount of embellishments. I myself enjoyed the occasional beautiful variations, but I can also sleep very well when I don’t have to do excess, or if I completely leave it all out. (Laughs)

Gibt es einen Punkt in der Rolle der Alcina, an dem Sie sagen: Wenn ich diese Arie hinter mir habe, kann ich aufatmen, der Rest geht von selbst?

AH: Leider, den gibt es nicht. Die sechste Arie liegt teilweise im unangenehmen Passaggio-Bereich, die fünfteArie verlangt gestochene Koloraturen, die Koloraturen der vierten Arie sind widerum von der Intonation sehr schwer, die dreitte Arie ist lang und emotional unheimlich mitreißend, die zweite Arie ist ein Kunstwerk in sich, schwer zu gestalten – szenisch wie musikalisch – und die erste ist auch nicht leicht und wenn bei dieser etwas schief ginge, ist der Start schon verpatzt. Also: Langer Rede kurzer Sinn: Alles ist schwer, bis zum letzten Ton.

Is there any point in the role of Alcina where you say: if I can just get this aria behind me, I can breathe a sign of relief and the rest will run itself? 

AH: Unfortunately, there is none. Part of the sixth aria lies uncomfortably in the passaggio area (the break between the upper and lower voice registers), the fifth aria requires biting coloratura, the coloratura in the fourth aria requires very difficult intonation. The third aria is long and emotionally incredibly thrilling, the second aria is a work of art in itself, hard to pull off – scenically and musically – and the first is not easy – and if anything goes wrong with it, then the beginning of the opera is spoiled. So, long story short: everything is difficult to the last note.

Sie haben die Alcina zunächst an der Bayerischen Staatsoper gesungen. Wie kam es zu diesem Rollendebüt?

AH: Nun, ich wurde eines Abends vom damaligen Münchner Intendanten Sir Peter Jonas angerufen der gemeint hat, dass ihm die Sängerin der Alcina der geplanten Neuproduktion abgesprungen sei und er sich keine andere Sängerin in dieser Rolle vorstellen könne als mich. Ich war vorerst ziemlich skeptisch, zierte mich ein wenig, sah aber trotzdem die Noten durch und verliebte mich sogleich in diese Musik. Heute bin ich froh über diesen abendlichen Anruf, über Peter Jonas’ Hartnäckigkeit, mich zu dieser Partie überredet zu haben und über meine letztlich doch erfolgte Zusage.

You first sung Alcina at the Bavarian State Opera. How did this role debut come about? 

AH: Well, I was in Munich one evening and got the call from then director Sir Peter Jonas. The singer of the planned new production of Alcina dropped out and he couldn’t imagine other singer in this role than me. I was initially quite skeptical, and hesitated a bit. Then I looked through the score and fell immediately in love with this music. To this day I am happy about this call and Peter Jonas’ persistence in talking me into taking this part.

Sind Sie vom Typ her jemand, die mit einer Rolle ringt bis die Interpretation steht, oder fühlen Sie sich eher als Bauchmensch?

AH: Das eine schließt das andere nicht aus, finde ich. Ich würde mich als ein Bauchmensch bezeichnen, der mit seinen Partien ringt. Während der Probenphasen und auch zu Hause beim Einstudieren. Wie oft dachte ich mir doch schon: Nein, diese Rolle ist nichts für mich, ich muss sie zurückgeben. Und dann geschieht es, dass ich beim Versuch, einen bestimmten Klang herstellen zu wollen, plötzlich einen Charakterzug der Figur erkenne, der dann für die Intepretation den entscheidenden Weg aufzeigt.

Are you the type of person who intellectually interprets a role, or do you feel it more in your gut?

AH: Those methods aren’t mutually exclusive, I think. I would describe myself as a latter who wrestles with her parts. During the rehearsals and when rehearsing at home. How many times already have I thought: No, that role is not for me, I must take her back. And then it occurs to me that when you try to do a certain sound, you suddenly recognize a character trait that then decisively drives the interpretation.

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About thả diều
writing-challenged opera-addict

8 Responses to Anja Harteros’ Alcina interview

  1. Eyesometric says:

    My word, you two are on a roll! Well done and thank you for the hard work.

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  2. Smorg says:

    Heh heh, a steaming bowl of Vietnamese soup sure is a good inducer of hard work, An. ;D You are a quick silver youself already posting these! I’m drudging along with the Minkowski interview. It’s a longer one and I’m entering the nappy part of the day.

    Thanks a bunch for bringing the booklets back, An! And I’m sure glad Eyes is enjoying these already! 😀

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  3. Eyesometric says:

    Yes, Eyes IS enjoying, thank you. Love that black and white portrait of Harteros too.

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  4. dehggial says:

    finally got around to reading this, very cool.

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